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News - Wallfahrt nach Lipno  
   

„Den heiligen Rasen von Wembley berührt zu haben, ist eine Lebensaufgabe für Fußballer. Bergsteiger müssen auf dem Mount Everest gewesen sein, Tennisspieler die Erdbeeren von Wimbeldon gekostet haben und Rennfahrer sollten die Kurven Monacos auswendig kennen. Jeder Sport besitzt seine Kultstätten, magische Orte an denen die Ursprünglichkeit und Kraft ihrer Disziplin zum Tragen kommt. Was aber machen Paddler? Was sollten sie in ihrem Leben geleistet haben, welche Flüsse sollten sie kennen, wo schon gewesen sein um sich am Lagerfeuer bereits unsterblich machen zu können? Gewiss – spektakuläre Ziele wie der Grand Canyon des Colorado oder der unvergessliche Futalefu in Chile gehören auf die Liste der großen Heldentaten. Auch die Stromschnellen der Mittlern Ötz sollte man in der richtigen Reihenfolge aufzählen können. Und man muss einmal im Leben in Lipno gewesen sein!“...

... so begann vor einiger Zeit ein Artikel in einem kleinen Kajakmagazin über die Wallfahrt in den Süden des Böhmerwaldes an die Moldau.

Und tatsächlich. Wenn sich einmal jährlich die Schleusen des größten europäischen Stausees öffnen machen sich wahre Kanuten auf den Weg, lassen alles stehen und liegen und pilgern an die Moldau. Dementsprechend groß ist dann auch die Verwirrung vor Ort. Die kleinen Straßen zwischen Ein- und Ausstiegsstelle sind permanent überlastet, Parken ist kaum möglich und die lokalen Campingplätze sind überfüllt. Doch auch auf dem Fluss gewinnt das Chaos überhand. Tschechische Paddler befahren den Abschnitt mit allem was sie über Wasser hält, Teilnehmer der Wildwasserrennen versuchen sich mit verbissenem Gesichtern den schnellsten Weg durch die wilde Unordnung von Normalpaddlern zu bahnen und alle zweihundert Meter trifft man auf wild gestikulierende Kanuten, die mit aller Kraft versuchen ihr vor Felsen oder unter Bäumen verklemmtes Boot zu bergen.

Aber natürlich ist es nicht der wildgewordene Haufen Kajakfahrer und Rafter, der so viele Kanuten jährlich zur Moldauspülung treibt. Der Fluss selbst schießt mit nicht zu unterschätzendem Gefälle im mittleren Schwierigkeitsbereich und angenehm warmen Wasser in Richtung Vyssi Brod. Einige wenige Stellen verlangen gesteigerte Aufmerksamkeit, sind allerdings auch leicht an der erhöhten Konzentration von Zuschauern zu erkennen, die spektakuläre Stunts erwarten und haarsträubende Einlagen stumm bewundern oder lautstark bejubeln.

Nachdem die Moldau zwischen Loucovice und Vyssi Brod eben nur einmal jährlich Wasser führt sind auch Bäume in Flussmitte und in den Kehrwässern keine Seltenheit. Eine Stelle im unteren drittel fordert regelmäßig Blessuren und Platzwunden. Die „Blutige Hand“ ist leider erst auf den zweiten Blick zu erkennen und für diejenigen, die das Spalier der Schaulustigen an der Abbruchkante erkennen ist es meist schon zu spät um das Ufer noch rechtzeitig zu erreichen, bevor die Moldau zu einem schmalen Kanal verengt und von Syphonen flankiert über Platten und steckgefährliche Steine zwei bis drei Meter in den tieferliegenden Pool fällt. Kajakfahrer mit unglücklichen Befahrungen sind am Lagerfeuer meist mit verbundenen Händen wiederzuerkennen.

Doch wer der Moldau den nötigen Respekt entgegenbringt kann sich über tolles Wildwasser und abwechslungsreiche Szenen auf und neben dem Fluss freuen.

Neben der Güte der sportlichen Möglichkeiten bieten auch die Dichte der Restaurants und das gute tschechische Bier einen schönen Ausgleich zum Tagesablauf und viele Möglichkeiten zur Abendgestaltung. Auch neben den meisten Zelten auf den Campingplätzen brennen nachts  Lagerfeuer, Gitarrenakkorde klingen begleitet von tschechischen Liedern durch den Wind und wiegen jeden Moldauneuling schnell in den Schlaf, der vielleicht von den Abenteuern der letzten Tage träumt, von morgen oder schon plant für nächstes Jahr.

Wiederkommen wollen eigentlich alle, die einmal auf dem braunen Wasser der Moldau gefahren sind, doch wirklich beschreiben kann man die Eindrücke der Moldauspülung auch kaum. Man muss das gesehen haben – als Kajakfahrer zumindest einmal im Leben.

Bericht und Bilder: Simon Strohmeier

 
 
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